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Podcast Blog chronischLEBEN

Norbert Jos Maas

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-1 s2010 OCT. 21
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Wenn Opfer zu Tätern werden: Sex and drugs - no rock'n roll




Mal ganz ehrlich: die eine oder andere Sucht haben wir ja alle - die Palette ist kunterbunt. Der Suchtbogen spannt sich von der (in ihrem Gefährdungspotential unterschätzten) Harmoniesucht über die Sucht nach Volksdrogen wie Alkohol und Nikotin bis hin zum zwanghaften Kaufdrang, zur ebenso ruinösen Spielsucht und - zur Sexsucht. Über die werden die meisten und dümmsten Witze gerissen - und sie dürfte für alle aktiv und passiv Betroffenen ebenso tragisch sein wie jeder andere innere Zwang, etwas zu erlangen, das kurzfristiges Glücksgefühl auslöst, aber nie wirklich befriedigt.

Sucht auf Rezept 
Wir Parkinsonkranken haben ein großes Privileg: Während sich die der Pubertät nie entwachsenen Kinder aller Altersstufen auf Schul- und Hinterhöfen von schmuddeligen Dealergestalten aus Neugier die Sucht anfixen lassen - und sei es "nur" mit der ersten Zigarette oder dem Alcopop, bekommen wir chronisch Kranke unsere Süchte sogar ärztlich verschrieben und von den Gutmenschen der forschenden Pharmaunternehmen gegen geringe (?) Rezeptgebühr frei Haus geliefert. 

Irgendwie war das den Medizinmachern und den die Drogen verschreibenden Medizinmännern und -frauen zunächst mal peinlich. Jahrelang wurde nur hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dieser oder jener L-Dopa-Agonist zum Beispiel lasse Parkinson-Patienten zu letzlich nie zu befriedigenden Kaufrauschlern, ebenso ruinösen Zockern oder unerträglich belästigenden und nötigenden Sexmonstern werden. Offiziell wurden wie üblich beschwichtigende Studien fabriziert, in öffentlichen Diskussionen wurde mit eiserner Stirn geleugnet. 

Schließlich ging es ja ums Geschäft (und geht es noch immer). Und das lassen sich die Pharmaunternehmen nur äußerst ungern kaputt machen oder auch nur mindern. Und die L-Dopa-Agonisten versprachen und versprechen fette Rendite. Da müssen Patienten schon mal kleine Nebenwirkungen wie Herzerkrankungen in Kauf nehmen - oder eben auch dieses und jenes Süchtlein.

Mittlerweile sind Sifrol & Co. "geoutet". Bei den möglichen Nebenwirkungen von operativen Eingriffen wird noch gerätselt.

Es hat viele Jahre gedauert, bis die Drogen-Opfer der medikamentösen Parkinson-Therapie ernst genommen wurden. Und so mancher von den Medikamenten und ihren bekannten Nebenwirkungen im wahren Wortsinn Getriebener traut sich immer noch nicht, offen über das Problem zu sprechen - mit verhängnisvollen Folgen nicht nur für die Opfer der legalen Drogen auf Rezept, die nicht gerade selten zu Tätern werden.  

Sucht im allgemeinen und Hypersexualität insbesondere sind nach wie vor Tabu-Themen. Kommt es infolge des zwanghaften Verhaltens  zu Übergriffen, wird es fast immer unter den Teppich gekehrt. Das Opfer der Übergriffe bleibt "besten"falls allein, wird nicht selten sogar - nach bester Mobbingmanier hinter vorgehaltener Hand tuschelnd – infam der (Mit)Täterschaft bezichtigt.

Hypersexuelle dagegen werden regelrecht "entschuldigt" - nach dem Motto: Der oder die Ärmste kann ja nichts dafür - es sind ja die bösen Medikamente.

Null-Toleranz 
Meine ganz persönliche Meinung: Egal ob Kaufsucht, Spielsucht oder zwanghafte Hypersexualität (um mal bei den "Hauptverdächtigen" in Sachen medikamentöser Nebenwirkungen zu bleiben) - es gibt nur einen Weg, Tätern und vor allem Opfern zu helfen: Der offene Umgang mit dem Problem - und natürlich die Null-Toleranz gegenüber Tätern. Wer (ver)schweigt, wird zum Mittäter. Denn eines ist bei jeder Sucht garantiert: Die Wiederholung. Und weil es keine wirkliche Befriedigung der Sucht gibt, muss damit gerechnet werden, dass sich die Übergriffe mit der Zeit nicht nur wiederholen, sondern auch immer schlimmer werden. 

Wenn - wie in einem Parkinson-Forum geschehen - der Täter bemitleidet, gehätschelt und getäschelt wird (letzteres hoffentlich nicht wirklich), dann ist das genau das Gegenteil von Selbsthilfe - es ist Täterhilfe. 

2010 Norbert Maas