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philosophie. podcast. serie I. Traum.

audioscience / TU Darmstadt.

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philosophie. podcast. serie I. Traum.
86 MIN2006 JUN 9
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Vorlesung 4 am 17. November: „Der Schlaf der Vernunft gebiert...?“ 4.1. Bei Immanuel Kant finden sich zwischen 1766 und 1798 mehrfach Aussagen, aus denen sich eine Art Anthropologie (und Vernunftpragmatik) des Traums ergibt: In physiologischer Hinsicht greift Kant in vielem die aristotelische Sicht der Dinge wieder auf: Nachts von Wahrnehmungen unbehelligt, spielt in der Seele die Einbildungskraft „wild“ mit den Resten vom Tag. In erkenntnistheoretische Hinsicht folgt Kant Descartes: Es gibt nur eine Wirklichkeit – diejenige, die in der man – wach! – sofort weiß, daß man den Traum nur geträumt hat und ihn als das, was er ist erkennt: eine Täuschung durch Fehlen von Wachsein. 4.2. Trotz des Täuschungscharakters gibt es einen physiologischen Sinn des Träumens, der sich nicht auf die Frage der Vernunfterkenntnis (wahr/bezweifelbar, falsch) und auch nicht auf die Unterscheidung von Wachen und Schlafen bezieht, sondern auf den Unterschied zwischen „lebendig“ und „tot“: Der Traum unterbricht den Schlaf, träumend sorgen die Lebenskräfte dafür, daß im Tiefschlaf nicht der Tod eintritt. 4.3. Die Differenz zwischen Traum und Realität hat den Charakter eines gestuften Unterschieds mit nur einem Wert: der positiven Realität der Wachwelt. Wir sind auch im Traum noch ein bißchen wach, und wenn wir nicht träumen, merken wir es eindeutig am Grad der Konsistenz unserer Vorstellungen, an deren Klarheit. 4.4. In „pragmatischer Hinsicht“ ist der Traum als unwillkürliches (und körperlich funktionales) Phänomen vernünftigerweise hinnehmbar. Er ist auch harmlos, so lange man ihn nicht inhaltlich ernst nimmt. Tut man dies aber, so tut man es wider bessere Einsichtsmöglichkeit: Unser Verstand ist sehr wohl in der Lage, den Zusammenhang der Wachwelt von den allenfalls scheinbaren Kohärenzen der Traumwelt zu unterscheiden. 4.5. Wie Descartes setzt Kant die Trennung zwischen Realität und Nicht-Realität im Grunde schon voraus, wenn er das Wesen des Traums charakterisiert. Das Träumen erscheint allein als die „täuschende“ oder „fehlende“ Fassung einer nur im Wachen gegebenen Wirklichkeit. Freilich ist das Träumen physiologisch nützlich – mit dieser funktionalen Komponente behält der Traum einen (auf die „Lebenskräfte“ bezogenen) anthropologischen Sinn.